Judo-Kampfrichterchef von Süddeutschland Günter Geist legt nach 35 Jahren ehrenamtlicher Kampfrichtertätigkeit 2009 sein Amt aufgrund der Altersgrenze nieder

Bundeskampfrichter Günter Geist aus Hemsbach
Die biologische Uhr ist nicht aufzuhalten. Dies erkannte auch der oberste Judo-Kampfrichter von Süddeutschland, Günter Geist, und wird sein Amt zum 31.12. 2008 in jüngere Hände geben. Mit Klaus Pfaffl, einem IJF – B Kampfrichter (Europa-Lizenz), übernimmt ein in sportlicher und fachlicher Hinsicht, hochqualifizierter Judoka seine Nachfolge.
Geist ist seit 30 Jahren Mitglied beim Budo Club Hemsbach und hat dort einige Jahre im Vorstand mitgearbeitet. Der Zeitaufwand für die überregionale Aufgabe in der Kampfrichterei ließ Ihm aber nicht die Zeit, dies langfristig weiterzuführen.
Eher unauffällig und zurückhaltend vollzog sich die Kampfrichterkarriere des 60jährigen, der auch über diese Aufgabe sagt:
Ein guter Kampfrichter ist der, an den man sich nach dem Kampf nicht mehr erinnert, denn dann hat er unauffällig und korrekt den Kampf geleitet und die Zuschauer konnten sich auf die Athleten konzentrieren.
Mit dem Judosport begann Geist relativ spät. Mit 19 Jahren machte er die ersten Schritte auf der Tatami (Judomatte) beim JC Rimbach. Am 01. September 1968 trat er dann der Post SG Mannheim bei. Dort legte er auch die Prüfungen aller Kyu-Grade (gelber – brauner Gürtel) innerhalb von zwei Jahren ab und bestand 1974 die Prüfung zum 1. DAN (schwarzer Gürtel). Heute ist er Träger des 3. DAN Grades. Von 1972 bis 1978 kämpfte er in der Mannschaft des 1. Mannheimer Judo Clubs gemeinsam mit der Judo Legende Arthur Schnabel.

Während dieser Zeit besucht er auch zum ersten mal einen Kampfrichterlehrgang und wurde im Mai 1972 Kreiskampfrichter (E-Lizenz) im Januar 74 Bezirkskampfrichter (D-Lizenz) und im Dezember 74 Landeskampfrichter (C-Lizenz). Nach 11 Jahren des Lernens und Hunderten von Einsätzen erhielt er 1985 vom Deutschen Judo Bund die Weihen des DJB – B Kampfrichters und 1991 die DJB – A Lizenz und damit die höchste Kampfrichterqualifikation in diesem Sportverband für Deutschland. Unzählige Einsätze bei Bundesliga-Begegnungen und weitere bei Deutschen Meisterschaften dokumentieren die Leistungsklasse des engagierten Kampfrichters.

Schon früh erkannte er, dass die Akzeptanz des Kampfrichters eng mit der Leistung als aktiver Judoka (Kämpfer) verbunden ist. Deshalb übernahm er bereits 1974 die Rolle des Kreiskampfrichterreferenten für den Kreis Mannheim und bildete auf dieser Ebene schon Nachwuchs aus. Dieses Ehrenamt begeleitete Geist insgesamt 30 Jahre, da er aus beruflichen Gründen höhere Aufgaben, die man Ihm immer wieder anbot, ablehnte. 2003 trat jedoch der amtierende Landesreferent des Badischen Judo Verbandes überraschend zurück und Geist folgte der Bitte des Präsidenten des BJV, Norbert Nolte, und übernahm die Aufgabe des Kampfrichterreferenten für den Badischen Judo Verband. 2005 wiederholte sich nun auf der nächst höheren Ebene die Geschichte. Der Referent der Gruppe Süd des Deutschen Judo Bundes, Ingo Rusch, trat ebenfalls aus privaten Gründen zurück und bat Geist, mit dem er schon fast zwei Jahrzehnte gemeinsame Zeit als Kampfrichter verbracht hatte, seine Aufgabe zu übernehmen. Schon bei der Übernahme des Amtes als Kampfrichterreferent des BJV war Geist klar, dass er in wenigen Jahren an die Altersgrenze der Internationalen Judo Förderation stoßen würde und hatte sich mit Pierre Bruckmann schon einen Nachfolger ausgesucht. Die Dynamik der Entwicklung ließ nun alles etwas schneller geschehen. Bruckmann übernahm die Aufgabe innerhalb des Badischen Judo Verbandes und Geist übernahm die Gruppe Süd.
Zwar könnten Referenten grundsätzlich auch über die Altersgrenze von 60 Jahren hinaus Ihre Aufgaben wahrnehmen, aber das widerspricht völlig der Vorstellung von Geist, der Funktionäre die an Ihren Posten kleben eher als entwicklungshemmend sieht. Wer auf dieser hohen Ebene lehren und Kampfrichter bewerten und beobachten will, muss auch auf diesem hohen Leistungsniveau in der Praxis stehen. Da er durch das Erreichen der Altersgrenze zu keinen Bundesligabegegnungen oder Deutschen Meisterschaften mehr eingeteilt werden kann, ist der Schritt das Amt abzugeben nur logisch.

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Günter Geist bei seinem letzten Bundesligaeinsatz in der Begegnung
TV Abensberg gegen JC Rüsselheim
am 22.09.2008

Man muss sich selbst treu bleiben, und zurückblickend sagen können, eine klare, berechenbare und konsequente Linie gefahren zu haben. Ehrenamt ist wie gutes Management, nur ohne Entlohnung.
Deshalb hat er während seiner Legislaturperioden im BJV und beim DJB auch Einiges geändert. Der Fokus für die Entwicklung der Kampfrichter war nicht mehr wie lange man welche Lizenz hatte, sondern wie gut ist die Leistung und die Einsatzbereitschaft auf der Matte. Es wurden Fördergruppen gebildet bei denen talentierte junge Kampfrichter in kürzerer Zeit die Lizenz erreichen konnten, die sie von der Leistung her verdienten. Diese Linie führte zu einer radikalen Verjüngung des Kampfrichterwesens innerhalb des BJV und die ersten Ergebnisse in der Gruppe Süd sind auch schon zu erkennen.
Für Geist ein schönes Gefühl etwas bewegt zu haben. Auch wenn die Zeit eigentlich zu kurz war.

Seit Anfang des Jahres 2008 wusste Geist, dass sein letzter Einsatz in der I. Bundesliga am 20. September beim TSV Abensberg, Deutschlands erfolgreichster Judo-Mannschaft und mehrfacher Europa-Pokal-Sieger, sein würde.
Nicht wissen konnte man zum damaligen Zeitpunkt, dass ein Judoka namens Ole Bischoff bei den Olympischen Spielen in Peking, die Gold Medaille für Deutschland erringen würde. Dieser Ole Bischoff kämpft, wie kann es anders sein, für den TSV Abensberg und die letzten 48 Sekunden im Einsatz als Bundesliga Kampfrichter verbrachte Geist als Mattenleiter gemeinsam mit dem Olympiasieger. Ole benötigte 23 Sekunden um seinen Gegner in die Bodenlage zu bringen um Ihn dann 25 Sekunden in Oase-komi (Haltegriff) bis zum Ippon (Sieg) fest zuhalten. So schloss sich auch der Kreis der Generationen, denn während seiner aktiven Zeit beim Mannheimer Judo Club kämpfte in der gegnerischen Mannschaft von Tübingen der Vater von Ole, Gunter Bischoff. Fürwahr ein krönender Abschluss.

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Günter Geist (links) bei seinem allerletzten Einsatz als Kampfrichter in der Judo Bundesliga
mit Olympiasieger Ole Bischof (rechts) am 22.09.2008 in Abensberg

So ganz wird sich Geist nicht aus dem Judo-Sport zurückziehen. Der Grund dafür liegt 13 Jahre zurück.1995 lud Ihn der damalige Bundestrainer der Sehgeschädigten Judoka Adolf (Charly) Gärtner zu den Internationalen Deutschen Meisterschaften für Sehgeschädigte und blinde Judoka nach Zimmern ein. Neben Deutschland nahmen Frankreich, Spanien, Österreich und Großbritannien an diesen Meisterschaften teil. Etwa 20 % der Athleten waren vollblind, ihre sportliche Leistung überragend, ihre Fairness untereinander beispielhaft, der Eindruck den Sie hinterlassen haben, nachhaltig. Seit 1997 ist Geist Bundesbeauftragter für das Kampfrichterwesen der Abteilung Judo im Deutschen Behinderten Sport Verband. Die Entwicklung der Judoka in diesem Bereich ist weltweit explodiert. Die Paralympics, bei denen auch Judo eine teilnahmeberechtigte Sportart ist, gewinnen in der Öffentlichkeit immer mehr an Beachtung. 2004 in Athen war die Judomannschaft Deutschlands mit Ihrer heutigen Trainerin Carmen Bruckmann die erfolgreichste Nation. Mit Angelika Wilhelm, einer IJF-A Weltkampfrichterin, die auf allen Europa-, Weltmeisterschaften und Paralympics der letzten Jahre von der IBSA berufen wurde, hat Geist sukzessive, von langer Hand vorbereitet, die Person platziert, deren Leistung und Meinung international höchste Anerkennung findet.

Ein weiterer Meilenstein der Menschen verändern kann, war aber für Geist das Treffen auf Judoka mit geistiger und körperlicher Behinderung (G-Judo). Unterteilt in 3 Leistungsklassen, je nach Art und Fortgeschrittenheit der Behinderung, wird hier mit unterschiedlicher Regelauslegung gekämpft. Gemeinsam mit den verantwortlichen Trainern der einzelnen Landesverbände und Dr. Wolfgang Janko hat Geist für das G Judo ein gültiges Kampfrichter-Regelwerk geschrieben, nach dem in Deutschland alle G – Judo – Turniere, die Internationalen Deutschen Einzel- und Mannschaftsmeisterschaften in der Leistungsklasse 1 und die Special Olympics durchgeführt werden. Vom ersten Gedanken bis zur Beendigung hat dies 6 Jahre gedauert. Alle Beteiligten, auch ich, sind darauf sehr stolz, so Geist, der jedem empfiehlt einmal im Leben eine Meisterschaft im G-Judo oder SG.-Judo zu besuchen. Hier jammert keiner und hier schimpft niemand. Hier bemitleidet sich keiner und hier ist der olympische Gedanke allgegenwärtig. Dabei sein ist alles. Der Kampfrichter ist Freund, ohne den die Meisterschaft nicht stattfindet. Der Einsatz der Eltern und Betreuer im G-Judo fast übermenschlich. Die Freude der Athleten, egal ob sie gewinnen oder verlieren, echt. Auf den Nenner gebracht ist hier die Welt noch in Ordnung. Keine Intrigen, keine Politik, kein Geld, nur Respekt.

Nach jeder Veranstaltung im Bereich SG oder G Judo und dem Wissen über die einzelnen Schicksale des einen oder anderen Sportlers, weiß ich, so Geist, was Glück ist. Demut trifft die Sache vielleicht noch besser. Ein Unfall, eine Krankheit, ein Virus und alles in Deinem Leben ist von heute auf morgen anders.

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Olympiasieger Ole Bischof (links) verabschiedet sich nach seinem Kampf vom Publikum,
der Hemsbacher Günter Geist (rechts) von seinem Amt als Bundeskampfricher

Allein für den Part im DBS hat sich der ganze Zeitaufwand gelohnt und zurückblickend kann man sagen, man hat mitgewirkt. Beim DBS will Geist sich weiter engagieren und beim BJV seine Erfahrung mit einbringen. Dies allerdings nur solange es Spaß macht und er nach seiner persönlichen Lehre weiter arbeiten kann:

Pflege Deine Freunde
Ehre Deine Gegner
Achte Deine Feinde
Erkenne wer ist was.

Hemsbach, den 10.12.2008


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